Dienstag, 7. Juni 2011

LEBEN

ANKOMMEN

Den ersten Schritt aus dem Flugzeug gesetzt reißt es dich mit. Erst die Sinne, dann die Seele. Es raubt dir den Atem. Während du den zweiten Schritt wagst, fragst du dich, wie das Alltäglichste der Welt dich so umhauen kann. Es ist das LEBEN, das sich auf dich stürzt. Das Leben der anderen. Mit all seinen Gerüchen – zum Teil abstoßend, zum Teil verführerisch exotisch – all seinen Geräuschen – verstörend und laut im ersten Moment – all seinen Bildern – Pflanzen, Tiere, Straßen, vollgepropft mit Marktständen, Autos und Menschen, die du nicht kennst, noch nicht kennst, vielleicht nie kennen lernen wirst.

Das LEBEN berührt dich unweigerlich sobald du beschließt, dieses Flugzeug zu verlassen und ein vollkommen fremdes Land zu betreten. Du wirst dich seinem Rhythmus anpassen, egal ob du willst oder nicht. Denn als kleiner Punkt in einer wogenden Menge wird man einfach mitgerissen.

Klein, so habe ich mich gefühlt, als ich – noch ganz überwältigt von den ersten Eindrücken – den Flughafen in Accra, Hauptstadt von Ghana, verließ. 20 Minuten später hatten meine Freundin und ich den Bruder, der uns abholen sollte gefunden. Danach genügten 60 Sekunden, um uns WILLKOMMEN zu heißen, Seele, Körper und Geist durchatmen und ein Gefühl von Heimat einkehren zu lassen. 1 Minute, 60 Sekunden, reichen in Ghana aus, Fremden die typischen anfänglichen Sorgen oder Zweifel zu nehmen. Wie das gehen soll? Ich werde es erklären!

Die ersten Sekunden: du wirst von jedem, wirklich jedem, willkommen geheißen – AKWAABA von allen Seiten.
20 – 30 Sekunden: tausend freundliche Gesichter lachen dich an, lachen dir zu. Du wirst angesteckt, der Virus verbreitet sich rasend schnell im Körper. Er hinterlässt ein wohliges Gefühl, steigt dir zu Kopf, besetzt deine Gesichtsmuskeln. Und schon ist es geschehen! Du lächelst. Die Sorgenfalten, die sich auf der Suche nach Bruder Michael immer tiefer in die Stirn gefressen haben, glätten sich. Du bist…glücklich!
Die letzten 30 Sekunden: noch benommen, von der Freude, Wärme und Herzlichkeit, mit der du soeben empfangen wurdest, spürst du, wie dir eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt wird. Du bedankst dich, hocherfreut über die willkommene Erfrischung. Noch während des ersten Schlucks laufen die 60 Sekunden ab.
Noch während des ersten Schlucks begreifst du einen Teil dieser neuen Kultur, begreifst ein Stück weit das LEBEN. 

Don’t worry be happy!

Der Glaube an Gott – NYAME – und christliche Nächstenliebe, die Grenzen überschreitet. Teilen, alles und mit jedem. Die Welt ist eine große Familie. 

Du bist angekommen. Du bist ein Teil dieser Welt – geworden, in nur 60 Sekunden.
Ghana, ich danke für die erste Lektion, die ich von dir lernen durfte. Denn jetzt bin ich mir sicher, dass ich hier nicht nur Geben, sondern hauptsächlich Lernen werde. Welche Lektionen wird mir dieses Land geben? Das Land, das sich auf einem Kontinent befindet, von dem so viele denken, sie können, sie müssen ihm alles lehren und diktieren! 

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